08.06.2021

„Wir alle im Fachhandel brauchen Perspektiven“

Haustex: Herr Eberharter, nach über einem Jahr der Corona-Pandemie: Wie geht es der Möbelbranche in Europa aktuell?

Roman Eberharter: Die meisten Menschen waren aufgrund der Corona-Maßnahmen viel zuhause. Sie haben festgestellt, wie wichtig die eigenen vier Wände sind, und haben auch entsprechend investiert. Das hat der Branche gutgetan, wenngleich in der Hotellerie und im Objektbereich Verluste zu verzeichnen sind. Ich bin mit meinem Unternehmen auch Hotelausstatter, und auch wir haben in diesem Bereich spürbare Verluste hinnehmen müssen. Anderen Raumausstattern ging es ebenso. Allerdings gehört die Einrichtungsbranche bestimmt zu den Gewinnern der Krise.

Haustex: Wie bewerten sie die Aussichten für das laufende Jahr?

Eberharter: Die Aussichten wären gut, hätten wir nicht das Thema der markanten Preissteigerungen und die Lieferketten-Problematik mit langen Lieferzeiten von Komponenten für die Möbelproduktion.

Haustex: Wieso hat sich das so zugespitzt? Sind das Auswirkungen der Pandemie?

Eberharter: Während der Pandemie waren viele Produktions- und Handelsunternehmen erst geschlossen und dann auf einmal wieder geöffnet. Erst wurde weniger produziert, dann gab es einen Stau an Aufträgen, der abgearbeitet werden musste. Das alles hat zu längeren Lieferzeiten geführt. Bei der Lieferung von Komponenten, etwa den Chemikalien für die Schaumproduktion, gab es gravierende Ausfälle. Hinzu kommt eine große Nachfrage aus China und den USA für viele Komponenten, die in der Möbelproduktion wichtig sind, beispielsweise Federkerne, Schäume und Holz. Die Summe all dieser Faktoren hat zu der jetzt sehr schwierigen Situation geführt.

Haustex: Was heißt das für die Unternehmen?

Eberharter: Viele Einzelhandelsgeschäfte im Möbelbereich kämpfen oftmals mit langen Lieferzeiten und können Aufträge nicht auf einmal fertigstellen, müssen also öfter zum Endkunden hinfahren. Die damit verbundenen Kosten kann der Händler nicht einfach weitergeben. Das ist eine schwierige Situation für den Fachhandel. Auch die großen Preissteigerungen bei Matratzen und Polstermöbeln können nicht eins zu eins an den Endkunden weitergegeben werden.

Haustex: Sie haben als FENA gemeinsam mit anderen Verbänden einen Brief an die EU-Kommission geschrieben und Forderungen aufgestellt, die in der aktuellen Situation helfen sollen. Was erwarten Sie von der EU?

Eberharter: Die Möbelbranche ist sehr heterogen, an ihr hängen sehr viele Arbeitsplätze. Wir fordern, dass der Fleckerlteppich an Maßnahmen, wie wir ihn derzeit in Europa vorfinden, harmonisiert wird, dass Maßnahmen besser koordiniert und kommuniziert werden. Wir alle im Fachhandel brauchen Perspektiven.

Haustex: Ist es denn angesichts des unterschiedlichen Infektionsgeschehens realistisch, eine einheitliche Linie in der EU zu finden?

Eberharter: Wir müssen zugeben, die Chance auf ein einheitliches System ist sehr niedrig, das ist uns auch bewusst. Wir wollen aber darauf hinweisen, dass in einem geeinten Europa der Personen- und Warenverkehr grenzüberschreitend stattfinden muss. Ohne Einschränkungen, ohne Grenzschließungen. Wir brauchen ein gemeinsames Fundament an Regeln: Welche Maßnahmen sind beim Überschreiten bestimmter Inzidenzwerte notwendig und was passiert dann?

Haustex: Wo zieht man da die Grenze?

Eberharter: Der Fachhandel war nie ein Treiber von Infektionsketten. Das ist nachgewiesen. In Österreich beispielsweise entstehen 70 Prozent der Infektionen im privaten Bereich. Wir durften im Februar die Geschäfte mit 20 Quadratmetern pro Kunde wieder aufsperren, in Deutschland hätte sich die Möbelbranche gewünscht, mit 50 Quadratmetern pro Person im Fachgeschäft wieder öffnen zu können. Es wird mit sehr ungleichen Maßnahmen gearbeitet, die große wirtschaftliche Auswirkungen haben.

Haustex: Sie haben den grenzüberschreitenden Warenverkehr angesprochen. Welche Auswirkungen spüren sie hier aktuell in den Lieferketten?

Eberharter: Wir spüren vor allem, dass wir in vielen Bereichen von Asien abhängig sind. Oft sind es unscheinbare Produkte oder Komponenten – viele davon kommen aus Asien. Hier brauchen wir ein Umdenken in Europa. Wir als Möbelbranche, die Industrie wie auch der Groß- und Einzelhandel, müssen dem Endkunden zeigen, dass auch wir in Europa tolle Produkte herstellen. Jene sind vielleicht etwas teurer, aber oftmals haben diese eine bessere Qualität und nicht zuletzt werden dadurch Arbeitsplätze und Wertschöpfung in Europa geschaffen. Wir können auch entsprechend flexibler und individueller auf nur schwer vorhersehbare Ereignisse reagieren.

Haustex: Können Sie ein Beispiel nennen?

Eberharter: Wenn ein Schiff den Suezkanal blockiert, stehen zwölf Prozent des weltweiten Warenverkehrs still. Das hat Auswirkungen bis hin zum kleinen Händler bei uns, der nicht liefern kann, weil in Ägypten ein Frachter aus China festsitzt. Hier braucht es ein Umdenken. Die EU-Kommission hat im Sinne des New Green Deal einiges vor, damit wir nachhaltiger produzieren, so dass man Produkte reparieren oder recyceln kann. Hier ist auch die Möbelbranche gefordert, sinnvolle und praktikable Lösungen zu finden.

Haustex: Wer hat in der Pandemie stärker gelitten: Handel oder Hersteller?

Eberharter: Hier ist eine Pauschalantwort sehr schwierig. Es gab in allen Teilen Europas sowohl im Herstellungs- als auch Handelsbereich Firmen, die die Krise sehr gut gemeistert haben, während andere doch größeren Schwierigkeiten ausgesetzt waren. Unterm Strich sitzen beide Seiten im gleichen Boot und können diese Situation nur gemeinsam meistern.

Haustex: Aber hat nicht am Ende vor allem der Onlinehandel profitiert?

Eberharter: Der Online-Möbelhandel boomt und hat 2020 mehr denn je einen Zuwachs generieren können, siehe Otto oder Amazon, um nur zwei Beispiele zu nennen. Diesem Trend kann sich niemand mehr entziehen. Ich sehe beim E-Commerce Luft nach oben, auch für den Möbeleinzelhandel.

Haustex: Preiserhöhungen und Lieferprobleme kennt aber auch der Onlinehandel…

Eberharter: Ja, aber der stationäre Händler hat die größeren Kosten gegenüber dem Onlinehändler. Wir beraten die Kunden in unseren Fachgeschäften, wir müssen mehr und anders Werbung machen, und wir bieten auch ein Mehr an Dienstleistungen. Daher gilt es, bei allen Chancen des Internets auch die Stärken des stationären Handels herauszustellen. Man kann die Produkte anfassen, man kann Probeliegen, die Farben vor Ort erleben und so weiter. Diese Stärken müssen wir tunlichst verteidigen.


Die FENA und ihr Präsident

Die FENA (European Federation for Furniture Retailers) ist die in Brüssel ansässige Interessensvertretung von rund 100.000 europäischen Unternehmen der Möbelbranche. Der 1959 gegründete Verband vertritt heute die gemeinsamen Interessen der europäischen Möbelhändler und Innenausstatter in 27 Ländern. Seit September letzten Jahres ist Roman Eberharter neuer Verbandspräsident. Der Unternehmer aus dem österreichischen Zillertal betreibt ein Bettenfachgeschäft in Ramsau und einen Produktionsbetrieb für Matratzen und Boxspringbetten, vor allem für die Hotellerie.
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Foto/Grafik: dieLengenfelder
FENA-Präsident Roman Eberharter.
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